Ein Dialog über das Abstrakte

Klimt / Kandinsky
Foto: Kunstsammlung NRW
Klimt / Kandinsky
Foto: Kunstsammlung NRW

Hilma af Klint und Wassily Kandinsky im K20

Kennengelernt haben sie sich nicht. Jetzt, 80 Jahre nach ihrem Tod (beide sind 1944 gestorben) sind zum ersten Mal ihre Bilder in einer gemeinsamen Ausstellung zu betrachten: Hilma af Klint und Wassily Kandinsky. Beide träumten von der Kunst der Zukunft. Die lag für beide in der abstrakten Malerei. Im K20 sind jetzt die beiden Pioniere des Abstrakten mit der Art:Card bequem zu entdecken.

Kandinskys Gemälde scheinen wohlbekannt. Manchen vielleicht allein schon aufgrund von Schulbüchern – es gab einmal eine Zeit, in der deutsche Lesebücher gerne Kandinskys Murnaubilder oder auch seine abstrakten Kompositionen neben Gedichte und Prosa stellten. Das K 20 selber hat die Komposition „Im Blau“ von 1926 in seiner Sammlung. Hilma af Klimt hingegen dürfte die große Unbekannte sein. Sie verfügte, dass ihre Werke nach ihrem Ableben 20 Jahre lang nicht gezeigt werden durften.

Das K20 rückt jetzt die Bilder der schwedischen Malerin und des russischen Künstlers und deren Entwicklung zum Abstrakten in den Focus. Af Klint, geboren 1862, stammt aus einer schwedischen Adelsfamilie, ihre Ausbildung erhielt sie an der Schwedischen Kunsthochschule und an der Königlichen Akademie für freie Kunst in Stockholm, anschließend ein eigenes Atelier. Kandinsky, geboren 1866 in Moskau, verließ Russland, um in München Kunst zu studieren, 1928, während seiner Zeit am Bauhaus, erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit, 1938 wurde er Franzose.

Für beide entwickelte sich der Weg zum Abstrakten in der Kunst prozesshaft. Das zeigt die Ausstellung gleich am Anfang. Bei den nicht gegenständlichen Bildern beider Künstler sind anfangs noch Bezüge zum Realen zu erkennen, ehe beide rein abstrakt arbeiten. Die Evolution des Abstrakten lässt sich beispielhaft an vier Bildern aus der Serie „Der Schwan“ von af Klint nachvollziehen. Auf dem ersten der Reihe kämpft eine weißer mit einem schwarzen Schwan, im nächsten Bild erahnt man die Flügel der Schwäne, dann folgen ornamentale Bearbeitungen, die sich der Farbe widmen.

Beide bewegte das Geistige in der Kunst. Kandinsky veröffentlichte 1911 seine bekannte Schrift „Über das Geistige in der Kunst“. Geist und Geistiges stehen für Veränderung und Bewegung. Das war im Zeitkontext in den Naturwissenschaften zu finden. Stichworte sind die Entdeckung der Röntgenstrahlen, Radioaktivität, Atomspaltung. „Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich“, sagt Kandinsky 1939. „Alles wurde unsicher, wackelig und weich.“ Strömungen wie Anthroposophie und Theosophie, die Lehren Rudolf Steiners, sind nicht ohne Einfluss auf beide Künstler. Af Klint hatte einen Hang zum Mystischen und zum Metaphysischen und nahm mit einer Gruppe von Frauen („Die Fünf“) an Séancen teil, aus denen Texte und Bilder hervorgingen. Vieles davon ist in af Klints Notizbüchern, die sie teils sogar auf deutsch schrieb, erhalten. Einige davon sind in der Ausstellung ebenfalls zu sehen.

Ein Highlight sind „Die zehn Größten“. Zehn scheunentorgroße Gemälde, drei Meter hoch, zweieinhalb Meter breit. Es sind die größten Bilder, die af Klint geschaffen hat. Sie sind den Lebensstadien von der Kindheit bis ins hohe Alter gewidmet – organische Formen, zarte Pastellfarben, auch mal klare Farbfelder, hier und da schriftähnliche Linien. Ein ganzer Raum des staunenden Schauens tut sich da für den Besucher und die Besucherin des K20 auf.

Und dann ist da „Der Tempel“. Das ist af Klimst Entwurf eines nie verwirklichten spiralförmigen Gebäudes, in dem ihre wichtigsten Werke untergebracht werden sollten. Der Entwurf erinnert an Bauten der Anthroposophen. Ist das der Ort eines spirituellen Traums? Jetzt ist er in der Ausstellung virtuell mit einer 3D-Brille zu betreten. Dem gegenübergestellt ist der Lehrer Kandinsky, der die Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus leitete.

Die Traumwelt des Tempels von af Klint steht am Ende eines Dialogs über das Abstrakte in der Kunst, wobei der eine, Kandinsky, zur Avantgarde gehörte und die andere, af Klint, lange Zeit unbeachtet blieb. Wo Kandinsky seinen Platz in der Kunstgeschichte längst hat, hat in Hilma af Klint jetzt mit dieser wegweisenden Ausstellung endlich für ein größeres Publikum wahrnehmbar eingenommen.

Dr. Ulrich Erker-Sonnabend

Hilma af Klint, Wassily Kandinsky, Träume von der Zukunft. Bis 11. August 2024. K20, Grabbeplatz, Düsseldorf



Foto: Bilder wie Hilma af Klints „Altarbild“ (links) und Wassily Kandinskys „Im Blau“ (rechts) sind im K20 zu sehen. Foto/Montage: Kunstsammlung NRW

Montag, 03.06.2024

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Letzte Aktualisierung: 21.06.2024 19:15 Uhr     © 2024 Theatergemeinde Düsseldorf | Grabenstraße 8 | 40213 Düsseldorf